
Damals, als er herkam, sprach der Scheich von dem Punkt. Jetzt fiel es ihm schwer, sich zu erinnern, wo er stehen geblieben war. Der Wanderer schlug ihm vor: »Herr, beginnen Sie mit der Fatiha1.« Der alte Mann lächelte: »Beginnen wir also am Anbegin...« Dann rief er die Worte desPropheten in Erinnerung: »Das ganze Heilige Buch ist in der Fatiha, die Fatiha in der Bismillah2, die Bismillah in dem Buchstaben B, den Buchstaben B wiederum birgt ein trennender Punkt. Ich also bin jener trennende Punkt.« Der Scheich sprach weiter: »Diese Worte wurden von
Sprache zur Sprache überliefert und sind bis heute erhalten geblieben. Während ihrer Überlieferung hallten sie in den Ohren aller Edlen wider. Um das in ihnen enthaltene Geheimnis zu entschlüsseln, haben sich unzählige Menschen sehr viel Mühe gegeben, haben ihretwegen schlaflose Nächte verbracht. Sogar mich hat eine Wagnis angetrieben,
auch ich beugte mich zu meinem Herzen hinunter, und ersehnte, den
wunderbaren Duft jenes Geheimnisses zu vernehmen. Ich wusste, dass
ich gewiss bis zu den Quellen würde zurückkehren müssen, um zu
verstehen, und ich trat meinen geistigen Weg an. Meine Reise nahm auf
einem Berg mit steilen Hängen ein Ende. Zwischen all den Gipfeln des
(Fatiha = Heilsgebet)
(Bismillah = wörtl. In Gottes Namen)
Bergkammes suchte ich es heraus und brachte es auf die Stufe großen
Wissens. Verzückt empfingen alle dieses Geheimnis, und alle sagten:
"Dies kann nur ein ehrenhafter Engel tun."Tatsächlich aber war es einem
bedauerlichen Sterblichen wie mir nicht gegönnt, das Geheimnis des
Punktes zu enträtseln. "Dies ist", sagte ich zu ihnen, "als würde jemand
irgendeinen Stein mit einem Katapult werfen. Zu erkennen, wer den
Bogen spannt, wer den Stein hinstellt und wer ihn wirft, ist nur in einer
Offenbarung möglich." In der Sprache der Hingabe drückte ich dies so
aus: "Als du ihn geworfen hast, hast nicht du ihn geworfen, doch Gott hat
ihn geworfen." Das war das Geheimnis des Geheimnisses und dies
konnten nur Menschen verstehen, deren Hingabe der meinen ähnlich
war...«
An dieser Stelle seiner Rede verstummte der alte Mann. Durch das
kleine, in Kniehöhe gelegene und Taka genannte Fenster schweifte sein
Blick hinaus. Dort, wohin sich sein Blick richtete, verlief ein Weg. Er
führte den Berg hinauf, doch am Gipfel entschwand er dem Blick. ,Zu
sehen, was dahinter ist, erfordert sehr viel Müheú, dachte er. Eine Stimme
in ihm antwortete: ,Quäle dich nicht umsonst. Durch Mühe kannst du das
nicht erreichen.ú ,Was aber ist es?ú fragte er sich. Die innere Stimme
sagte: ,Durch Suchen ist es nicht zu finden.ú Der alte Mann wartete. Die
Stimme setzte fort: ,Aber nur die Suchenden können es finden.ú
Während der alte Mann still dasaß, senkten die Derwischnovizen ihren
Blick und warteten demütig. Auf die Geduld kam es an, das wussten alle.
Um das zu erlernen, musste man Monate im Derwischkolster verbringen.
Der alte Mann heftete seinen Blick auf den Höhepunkt des Weges, der
aus dem Fenster zu sehen war und sagte mit kaum vernehmbarer Stimme:
»Lasst in eurer Vorstellung bloß nichts anderes aufkeimen, nur weil ich
ein anderes Wort benutzte. Dieser Begriff wurde verwendet, weil er
notwendig war. Wenn ihr euch ein anderes Phantasiebild macht, könnt
ihr nicht spüren, was ich euch zeigen wollte. Ich verkünde euch eine
große Botschaft. Ihr müsst euch daran gewiss sehr fest klammern, damit
ihr in den Ozean der Wahrheit eintauchen, euch aus der Abhängigkeit
befreien und in das Wahrhaftige gelangen könnt. Das ist der Übergang
von der Ebene des Denkens zu der Ebene der Erinnerung. Das könnt ihr
nicht verwirklichen, wenn ihr das Geheimnis des Punktes nicht begreift.
Dann erst werdet ihr im Besitz eines unvergleichbaren Genusses sein.«
Der alte Mann hüllte sich erneut ins Schweigen. Im großen Raum mit den
Lehmmauern und dem irdenen Boden war es jetzt ganz still. Die Zeit war
stehen geblieben. Von jenem krächzenden Laut der Zeit, der auf die
Menschen wirkte, war keine Spur mehr geblieben. Nur das Atmen war zu
hören. Dann wurde auch das Atmen von der Stille aufgesogen und es
blieb eine makellose Lautlosigkeit zurück. Die immer tiefer und
kraftloser werdende Stimme des alten Mannes hallte in dieser
Lautlosigkeit wider: »Wenn ich von dem Punkt spreche, spreche ich von
jener Wesenheit, außer sein Selbst, sich den vergänglichen Blicken
niemals zeigt. Und spreche ich von dem Elif spreche ich von der
(Erster Buchstabe der arabischen Alphabets = A, bzw. das griechische Alpha)
Wesenheit, die nichts anderes als sie selbst ist. Die Wesenheit ist nicht
Eins, sie ist Einzig. Das Eins ist das Erste des Zählbaren, doch sie kann
nicht gezählt werden, denn sie ist Einheit, sie ist einzig. Spreche ich aber
von dem Buchstaben B, so sollt ihr wissen, dass ich damit jenes
überwältigende Phänomen des Großen Geistes beschreibe. Nach diesen
Buchstaben kommen der Reihe nach alle anderen, doch im Mittelpunkt
meiner Worte stehen diese drei Dinge. Jene Menschen, deren Bemühen
um gute Taten groß ist, werden auch bei ihrer Belohnung die ersten sein.
Sie sind jene im Vierten Paradies4, die Gott am nächsten stehen. Diese
Buchstaben sind also das A und das B. In der Welt der Buchstaben
nehmen sie unter den Bismillahs den Rang der ersten Worte ein. Denn,
wenn wir diesen Buchstaben das T hinzufügen, haben wir das hebräische
Wort EBT, das bei den Juden eines der Namen Gottes ist. Jesus hatte
Gott mit diesem Wort angefleht und sagte: "Wahrhaftig, ich kehre zu
eurem und meinem Vater zurück." Hier ist Vater gleichbedeutend mit
Gott. Jesus hatte Gott mit einem Wort, das die Menschen begreifen
können, ausgedrückt, mit dem Wort Vater. Vater, Baba. Schaut, es sind
die Buchstaben B und Elif, B und Elif. Zwei trennende Punkte und zwei
Einheiten. In der Einheit kann es keine Zweiheit geben. Dann also ist das
Eine eine Art Tau, was gemeinsam ist. Wenn Gott eins ist, warum
verspürst du dann das Bedürfnis, ihn zu Einen?«
Der alte Mann sprach trotz seines vom Zahn der Zeit gewaltig
angegriffenen Körper mit einem unverhofft klaren Geist. Der Wanderer
letzthöchste Stufe des Paradieses, die Gott am nächsten kommt
war angesichts dessen Urteilsfähigkeit mehr als einmal verwundert. Er
schaute in das von Falten tief zerfurchte Gesicht des alten Mannes, was
er sonst nie tat. Aber dieses Mal schien eine Hand seinen Kopf dorthin zu
drehen und ihm zu sagen: "Schau hin, schau in sein Gesicht". Er schaute
also hin und sah ein Licht. Das Licht erhellte nicht nur das Innere der
eigenen Quelle, es war tatsächlich wahrnehmbar. Der Wanderer dachte,
dass dieser müde gewordene Geist aufgehört habe, Geist zu sein, und er
verwandelte sich in eine Herzfunktion. Der alte Mann, nicht ahnend, dass
man ihn anschaute, tauchte aus seiner Stille wieder auf und sprach:
»Bevor der Punkt sich als Elif offenbarte, war er ein heimliches Kleinod.
Bevor er die vor den Augen gut versteckten zahlreichen Geheimnisse in
seinem Kern den Buchstaben verlieh, existierten die Buchstaben in
verschwommener Form in ihm. Doch wenn du die Wahrheit begreifst,
erkennst du, dass der Punkt nichts weiter als aus Tinte besteht und das,
was vermittelt werden soll, die Tinte selbst ist.«
Der Wanderer merkte genau an diesem Punkt, dass er unter all dem, was
der sich nun wieder ins Schweigen gehüllte Alte gesagt hat, furchtbar litt.
Als er das merkte, richtete er seine Augen auf ihn und sah, dass auch der
Scheich ihn anblickte. Auf seinem Gesicht lag jenes nur in seltenen
Augenblicken auftauchende, bedeutungsvolle Lächeln. Der alte Mann
schien in einem Ozean der Liebe zu einem Tropfen geworden zu sein. Er
nickte zustimmend mit dem Kopf und deutete an, dass nun der Wanderer
das Recht hatte und die Reihe an ihm war, zu sprechen. Während die
Zuhörer im Auditorium von seiner Ruhe beeindruckt waren, begann der
Wanderer zu sprechen, dabei war er bemüht, dem Tonfall des alten
Mannes nahe zu kommen. »Einer der Meister sagt Folgendes«, begann
er. »Die Buchstaben sind Zeichen der Tinte. Es gibt keinen Buchstaben,
der nicht von Tinte gemalt wurde. Die Farbe der Buchstaben ist der
Farbstoff der Tinte. Der Farbstoff der Buchstaben hingegen ist nichts
weiter als Täuschung. Ihr Inneres ist im Herzen der Tinte. Ihre
Sichtbarwerdung geschieht mit Erlaubnis der Tinte. Das Schicksal der
Buchstaben bestimmt die Tinte. Und es gibt nichts außer IHR. Hört dem
gut zu, denn hier liegt das Problem. Sie sind nicht gleich, sagt also bloß
nicht, dies sei dies oder jenes. Das zu behaupten wäre närrisch. Denn als
es keine Buchstaben gab, gab es SIE. Und nachdem die Buchstaben
verschwunden sein werden, wird allein SIE übrig bleiben. Alle
Buchstaben werden verschwinden, nur das Antlitz der Tinte wird in aller
Ewigkeit erhalten bleiben. Lass dich nicht täuschen, weil die Buchstaben
zu sehen sind, in Wirklichkeit sind sie nichts als Schatten. Wenn du sie
anschaust, sehen deine Augen nichts als die Tinte, vergiss das nicht. Kein
Buchstabe kann der Tinte etwas hinzufügen oder ihr etwas nehmen. Wo
es ein Buchstabe existiert, existiert er zusammen mit seiner Tinte.«
Als die Rede zu Ende war, seufzten die Derwischnovizen tief. Der Blick
des alten Mannes war noch immer auf den Weg geheftet und er war viel
tiefer versunken als sonst. Als würde er in das Innere der Dinge blicken.
Der Wanderer schwieg und neigte seinen Kopf, wie vorher schon, nach
vorne. Die Derwischnovizen waren diesmal in ein noch tieferes
Schweigen versunken als vorhin. Das war keine unbestimmte Stille, es
war ein Schweigen, um zu hören, was im Herzen des alten Mannes vor
sich ging. Der alte Mann deutete auf das geschlossene Buch auf dem
Koranpult an seiner Seite und sagte: »Alle Worte sind in dem Punkt. Alle
Bücher verbergen sich in einem einzigen Satz. Der Satz in einem Wort,
das Wort im Buchstaben. Die Abwesenheit von Buchstaben lässt daran
denken, dass Worte fehlen, die Abwesenheit des Wortes, dass Sätze
fehlen, die Abwesenheit des Satzes, dass das Buch fehlt. Das Wort,
gleichgültig ob gesprochen oder geschrieben, benötigt Buchstaben. Das
Wort ist das Blühen der Buchstaben. Und alles zusammen ist der Punkt.
Der Punkt ist die Mutter aller Bücher.«
Erneut trat ein Moment des Schweigens ein. Der alte Mann wandte
seinen Blick nicht von dem Weg, als würde er dort etwas lesen und
darüber sprechen. Er schien auf einen Punkt zu schauen. Sich windend
verlief der Weg. Doch auch wenn er sich nach links und rechts biegen
würde, würde er letztlich an seinem Höhepunkt ankommen. »Aber«,
begann er, als hätte es dazwischen keine Unterbrechung gegeben. »Der
Punkt ist einzigartig. Nichts ist IHM ähnlich, nichts ist IHM gleich. Er ist
wahrhaftig der Hörende und Sehende. Im Gegensatz zu den anderen
Zeichen, hat der Punkt keine treffende Definition. Er hat die Kategorien
und Eigenschaften von Buchstaben wie Länge, Kürze, Breite oder
Flachheit überwunden. Die Sinne können ihn nicht wie die Buchstaben,
hörend oder sehend begreifen. Und, weil mit der Tinte eins, ist in
Wirklichkeit diese Gleichheit mit der Überlegenheit gleich. Denn wie
sehr man auch Buchstaben als einander ähnlich ansehen kann, die Tinte
ist in jedem Buchstaben gleich. Buchstaben sind sich ähnlich, das T ist
wie das B, das S ist wie das T und wenn du einen von ihnen aussprechen
willst, findest du zweifellos den passenden Ton, doch einen Ton, der den
Punkt bezeichnet, findest du nicht. Im Punkt gibt es keinen Unterschied,
keine Einheit, keine Vielheit, kein Vorher und kein Nachher, keine
Breite, keine Länge und keine Höhe findest du darin, und überdies
reichen all diese Eigenschaften nicht aus, um auch nur einen Aspekt des
Punktes zu beschreiben. Alle Buchstaben sind im Wesen des Punktes
enthalten. Er platzt und endlos viele Buchstaben kommen zum
Vorschein.«
Nach einer kurzen Verschnaufpause setzte der alte Mann seine Rede fort,
als würde er die in den Köpfen auftauchenden Fragen lesen können. »Die
erste Erscheinungsform des Punktes ist mit dem Elif beschreibbar. Das
Elif erscheint in einer Überlegenheit, die einem Vergleich nahe kommt.
In jedem Buchstaben ist es in unterschiedlichen Eigenschaften seines
wahren Wesens enthalten.« Wieder hielt er inne, diesmal zufrieden, dass
er in den Gedanken mancher Hörer die mögliche Frage erkannte, und
sagte: »Vergesst nicht, dass das Aussehen des Elifs nicht aus dem Punkt
hervorgeht, im Gegenteil, es ist der überragende Teil des Punktes.
Deswegen wurde das erste Elif nicht mit einer Feder geschrieben, und es
ist auch nicht von einer Feder abhängig. Es ist der Macht im Zentrum des
Punktes entwachsen. Wann immer etwas aus dem Punkt herausbrach, es
wurde Elif genannt. Genauso wenig wie die Existenz des Elif von der
Feder abhängt, braucht es auch die anderen Buchstaben nicht. Es ist für
seine Taten nicht verantwortlich, doch die anderen werden zu
Rechenschaft gezogen.«
In jenem Teil des Auditoriums, der der Türschwelle nahe war, konnte
sich einer der Derwische nicht beherrschen und er schrie mit
überschäumender Freude: »Al-lah.« Der alte Mann atmete einige Male
tief ein und ohne seinen Blick von dem Weg wenden zu können,
lobpreiste er Gott. |