Zur Entwicklung des türkischen Fernsehens
Zwischen Staat, Markt und Religion
KLAUS SCHWARZ VERLAG – BERLIN – 2003
FÜR KK
Das Fernsehen ist ein solches Medium, dass wir
Weder mit ihm noch ohne es sein können
Sadýk Yalsýzuçanlar
durchsichtig werden und so die unmittelbare Gotteserfahrung erlauben. Eine Anleitung für die Umsetzung dieses Wunsches in die Praxis muß er jedoch schuldig bleiben. Wie wirklichkeitsfremd letztlich alle diese Überlegungen sind, mag man noch an ei nem weiteren Umstand ablesen. Keiner der Sender, die mit einem islamischen An spruch ihre Arbeit begonnen haben, nahmen auch nur eines dieser Werke zur Kennt nis. Weder wurden Anregungen aufgenommen, noch verfugten die konkreten Hand lungsanweisungen über eine wenn auch noch so geringe Verbindlichkeit. Insofern handelt es sich hier in allen vier Fällen um Einzelstimmen, die nur über einen sehr geringen Wirkungsgrad verfugen.
5. Türkiye Gazetesi Radyo Teleizyomi - Huzur TV (TORT) - "Was wir ge stern waren, sind wir auch heute und werden wir auch morgen sein" 364
Die faktische Aufhebung des staatlichen Rundfunk- und Fernsehmonopols durch Star- 1 im Jahr 1990 führte zu einer regelrechten Explosion auf dem audio-visuellen Medienmarkt. Die unterschiedlichsten Gruppierungen oder Einzelpersonen versuchten, die Gunst der Stunde zu nutzen, um eine Rundfunk- oder Fernsehstation zu etablieren, bevor der Staat das Heft wieder an sich reißen konnte. Viele dieser Initiativen kamen jedoch - aus unterschiedlichen Gründen - nie über das Reißbrett hinaus. Auch seitens der Muslime gab es eine Reihe von Bestrebungen zur Gründung eigener Fernsehsender. Besonders intensiv entwickelten sich die Aktivitäten auf regionaler und lokaler Ebene. Technik, Personal und Programm konnten hier im Gegensatz zu lan desweit ausstrahlenden Sendern auf ein Minimum reduziert werden. Oftmals bestand ein Sender aus nicht mehr als einer Handvoll Personen, die aus einem Privathaus ihr Programm übertrugen. Erwartungsgemäß entzieht sich diese Vielzahl kleinerer und mittlerer Projekte allen Versuchen einer Bestandsaufnahme. An dieser Stelle soll daher nur auf solche Vorhaben eingegangen werden, die eine landesweite Ausstrahlung zum Ziel hatten. 365
Wie bereits erwähnt, hatte sich der Altmeister des milli sinema mit dem früheren Di rektor von TRT, Þ aban Karata þ , zusammengetan, um einen Gegenentwurf zu Star-1 zu konzipieren. Das Projekt, das unter dem von Abdurrahman Sen vorgeschlagenen Namen Hilal-1 (Halbmond-T) bekannt wurde, erschöpfte sich jedoch in vollmundigen Presseerklärungen seitens der Beteiligten. 366
Daneben bemühten sich auch einige Mitglieder der früheren Ak ýn Grup, wie u.a. Ab durrahman Dilipak, Salih Diriklik und Mesut U ç akan um die Gründung eines Fernsehsenders. 367 Obwohl man bei Atlas 7Vauch bereit war, in bescheideneren Dimensionen
364 Zitiert nach S. D Ý R Ý XL Ý K: Flesbek II, S. 337: Dün ne idiysek, bugün yine oyuz ve yann de öyle ola cagiz.
365 Die rege Aktivität auf regionaler und lokaler Ebene ist keine Besonderheit des islamischen Me dienmarktes, sondern ist eine allgemeine Erscheinung in der Türkei.
366 S. D Ý R Ý KL Ý K: Flesbek II, S. 105-106, 117-119. Vgl. ebenso Kapitel 4.4.1.
367 Die 1975 gegründete Akut Grup war eine Initiative von neun aktiven Mitgliedern des Milli Türk
Talebe BirligiSinema Kulübü. Aus Enttäuschung über die zunehmende "Ent-Islamisierung" der Filme
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Attraktivität verfugt, um sich eines dauerhaften Zuspruchs zu erfreuen. In gewisser Weise verschließen die Autoren hier bewußt ihre Augen vor der Realität. Denn wenn M. Baydar vorrechnet, wieviel Zeit Muslime in der Türkei vor den nicht-muslimischen Bildschirmen verbringen, muß ihm klar sein, daß nur ein Bruchteil davon auf Sendun gen der Sparte "Information" entfallt. Der naheliegenden Einsicht, daß ein "kopflastiger" islamischer Sender angesichts dieser Verteilung der Zuschauerinteressen kaum eine Chance haben kann, verweigert er sich jedoch. 361 Ebenso irrig ist auch die Annahme, daß das Fernsehen sozusagen als "geschlossenes System" funktionieren könne. Denn gerade das Femsehen ist darauf angewiesen, möglichst viele Einflüsse in sich zu vereinen, um für eine breite Zuschauerpalette reizvoll zu sein. Ein solches Prinzip der Eingleisigkeit kann in einer pluralistischen Umgebung nur scheitern. So ist z.B. die Vorstellung, daß mit einem dergestalten islamischen Fernsehsender auch Nicht-Muslime oder "ungläubige" Muslime erreicht werden könnten, höchst unrealistisch. Aber auch die erwünschte Kontaktpflege mit der umma wird sich in dieser Form nur schwerlich realisieren lassen. Denn die meisten Autoren sind fest in einem türkischen Islamverständnis verwurzelt, das kaum Raum für die Wahrnehmung anderer Ausprägungen des Islam läßt.
Gerade der einzige Autor, der für sein Werk Wissenschaftlichkeit beansprucht, ist ein besonders eklatantes Beispiel für die Unaufgeschlossenheit gegenüber den Erkenntnis sen der Kommunikationswissenschaft. An kaum einer Stelle hat A. Türkmen in seinem "Islamischen Kommunikationsrecht" grundlegende Forschung zum Medium "Fernsehen" oder zu Massenmedien allgemein zur Kenntnis genommen, obwohl er mehrmals und ausdrücklich eine Einbettung seiner theoretischen Ausführungen in ei nen übergeordneten "außer-islamischen" Kontext anstrebt Und wenn man doch auf eine der seltenen Belegstellen im Text stößt, wird man auf längst veraltete Literatur aus den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts verwiesen. Dies führt zu solch grotesken Auswüchsen wie seine ganz spezielle Etymologisierung des Wortes "news", das aus den Anfangsbuchstaben der vier Himmelsrichtungen - North, East, West, South - entstanden sein soll. 362 Gleichzeitig verfolgt der Autor eine apologetische Linie, die mehr als
Vgl. hierzu auch die Zahlen bei O. C. URAL: Tapsige Medi A. TÜRKMEN: Ýslâm Ýletiþim Hukuku, S. 299.
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fragwürdig ist. So spricht er u.a. mit dem Hinweis auf den Blockdruck der Uiguren Gutenberg die Erfindung der beweglichen Lettern ab. 363 Darüber hinaus verficht er wie im Fall des von ihm vorgeschlagenen Sanktionensystems Positionen, die sich in kein- ster Weise mit westlichen Vorstellungen von Menschenrechten und Grundfreiheiten vereinbaren lassen. Insofern mutet es gänzlich absurd an, wenn er seinen Rechtsvorstellungen völlig zusammenhanglos und unkommentiert das aktuelle türkische Rund funkgesetz zur Seite stellt. Alles in allem ist Türkmens "Islamisches Kommunikations recht" eine nur schwer erträgliche Lektüre, die geprägt ist von vordergründiger Syste matik, Redundanz und Ignoranz.
Einzige Ausnahme in diesem Quartett ist der Autor, dessen Werk die wenigsten kon kreten Vorschläge enthält. Für S. Yalsýzuçanlar ist das Medium als solches eindeutig nicht neutral, und er findet heftige Worte der Kritik für diejenigen, die eine solche "Milchmädchenrechnung" aufmachen wollen. Er läßt keinen Zweifel daran, daß das Femsehen über eine eigene Dynamik verfügt, die eben nicht nur die Form der Darbie tung prägt, sondern sich auch in beträchtlichem Maße auf den Inhalt auswirkt. Um ein islamisches Femsehen zu schaffen, reiche es daher nicht, das Medium lediglich mit islamischen Inhalten füllen zu wollen. Vielmehr müsse man zunächt die innere Logik des Mediums begreifen. Diese lasse nämlich auf dem Bildschirm alles zur Unterhal tung werden. Bevor man eine wie auch immer geartete Synthese aus Islam und Femse hen versuchen kann, müsse also zunächst das Medium eine tiefgreifende Umstruktu rierung erfahren, ein, wie er sich selbst eingesteht, letzten Endes aussichtloses Unter fangen. Deshalb verfügen die wenigen Vorschläge seinerseits - wie z.B. die Einrich tung eines Themenkanals als erster Schritt - bestenfalls über Versuchscharakter. Aber noch in einem zweiten Punkt hebt sich Yalsýzuçanlar von den anderen Autoren ab. Ein islamisches Femsehen in seinem Sinne dient nicht in erster Linie als ein Mittel zur Anleitung zu einem korrekten islamischen Lebenswandel. Ihm geht es vielmehr -und hier kommt seine Verwurzelung in der Mystik zum Tragen - um die Möglichkeit der Gotteserfahrung. Das Femsehen soll die Verbundenheit des Gläubigen mit Gott stärken. Im besten Fall soll der Bildschirm, den er an einer Stelle auf das Vokabular der Mystiker zurückgreifend als Schleier zwischen Mensch und Gott bezeichnet,
Ders.: Ýslâm Ýletiþim Hukuku, S. 29-32.
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ve das Bedürfnis oder die zwingende Notwendigkeit, das Fernsehen in den Dienst des Islam zu stellen.
Wenn der Ausgangspunkt auch derselbe ist, so setzen die Autoren bei der Weiterentwicklung des Projekts "islamisches Fernsehen" unterschiedliche Akzente. Ungeachtet dieser individuellen Ausdifferenzierungen lassen sich aber auch einige gemeinsame Motive herausarbeiten. Dies wird besonders deutlich in einem ganz zentralen Bereich, nämlich den Erwartungen, die an das Medium "Fernsehen" herangetragen werden. Hier herrscht weitgehend Einigkeit". Fernsehen soll primär als ein Instrument zur Er ziehung und Bildung (eðitim) eingesetzt werden. Es versteht sich dabei von selbst, daß dieser Bildungsauftrag ein islamischer Bildungsauftrag ist. Die Anleitung zu einem islamisch korrekten Lebenswandel steht im Mittelpunkt. Die Vermittlung islamischen Wissens und islamischer Werte soll anhand der Maxime "Gebieten was recht ist, und verbieten, was verwerflich ist" (al-amr bi-'l ma ruf wa '1-nahy 'an al-munkar) erfolgen. Im Idealfall soll aus dem Medium also eine Art moralische Leitinstanz werden, die den Muslimen den "rechten Weg" (sýrat-ý müstakim) aufzeigt. Gleichzeitig erwartet man sich davon - gleichsam als Nebenprodukt - auch eine Revitalisierung der islamischen Gelehrsamkeit.
Diese zentrale Maßgabe steht ganz im Einklang mit den Vorgaben, die von muslimi scher Seite nicht nur in der Türkei bereits im Zusammenhang mit anderen Kunstfor men oder Medien aufgestellt wurden. Dabei kommt eine stark eingeengte Interpretati on von "Kunst" zur Anwendung. Denn die "islamische" Legitimation von Kunst wur de stets mittels eines erzieherischen Auftrags begründet, der auf diesem Weg ausgeübt werden sollte. Nur indem man die jeweilige Kunstform in den Dienst eines übergeord neten Ziels - nämlich die Rechtleitung auf dem Weg zu Gott - stellte, wurde ihre Aneignung überhaupt erst möglich. Diesem moralisch-didaktischen Ansatz haben sich sowohl der künstlerische Ausdruck als auch strukturelle Gesetzmäßigkeiten der entsprechenden Kunstgattung bedingungslos unterzuordnen. 359
An zweiter Stelle erhofft man sich von einem islamischen Fernsehsender eine Stärkung der umma. Hier setzt man sowohl auf eine Innen- als auch auf eine Außenwirkung.
359 Für den islamischen Roman und den islamischen Film in der Türkei haben dies gezeigt K. ÇA LIÞKAN: Vies exemplaires; P. FURRER: Propaganda in Geschichtenform; C. JUNG: Der religiöse Film.
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Nach innen soll der Zusammenhalt der Muslime untereinander gefestigt werden. Eine intensive Berichterstattung aus der muslimischen Welt soll das Bewußtsein der Einheit der umma bestätigen und festigen. Nach außen soll sowohl ein wirksamer Schild ge gen die feindliche Propaganda der nicht-muslimischen Welt errichtet als auch Gegen propaganda betrieben werden. Die Nicht-Muslime sollen nicht nur von der Ungefahr-lichkeit des Islam, sondern auch von seinen Vorzügen überzeugt werden. Hinsichtlich der konkreten Umsetzung dieser Forderungen in die Praxis ist die Spannbreite groß. Während A. Þen nicht über die grundsätzliche Forderung nach einem kollektiven Einsatz aller Muslime für dieses Unternehmen hinausgeht, entwirft M. Baydar ausgefeilte Pläne für Organisation und Programm, die allerdings in ihrer extremen Detaildichte vorschnell wirken.
Wenn die Autoren mit ihrer Einschätzung der beherrschenden Position des Femsehens im Alltag ohne Zweifel nicht fehlgehen, so sind sie jedoch an einer anderen Stelle ei nem gravierenden Irrtum erlegen: Ihre Konzeption der Funktionen des Mediums "Femsehen" verfügt über nur wenig Rückhalt in der Realität. Denn alle Vorschläge kranken daran, daß kaum einer der Autoren sich auch nur ansatzweise, geschweige denn in größeren Umfang mit der Natur des Mediums auseinandergesetzt hat. Dem Medium als solchem wird uneingeschränkte Neutralität zugeschrieben. Diese Neutrali tät kann je nach den Absichten des Betreibers sowohl zum Guten als auch zum Schlechten gewendet werden. Aufgrunddessen wird die Kompatibilität des Mediums mit den eigenen Ziel Vorstellungen per se und ohne jegliche Einschränkung vorausge setzt. Daß dies ein fataler Trugschluß ist, steht außer Frage.
Dieses Fehlurteil schlägt sich vor allem in der Übergewichtung des Elements "Bildung" nieder. Nicht erst Postmans Diagnose "Amusing Ourselves to Death" hat vor Augen geführt, daß es kaum ein Medium gibt, das so starke "bildungsfeindliche" Tendenzen aufweist wie das Femsehen. 360 Und dies gilt insbesondere für den Bereich Privatfemsehen. In Ansätzen gestehen die Autoren dem Femsehen zwar auch eine Unterhaltungsfunktion zu, raten jedoch an dieser Stelle stets zu erheblicher Vorsicht. Es steht zu vermuten, daß ein "islamischer Schulfunk", dem einige wenige, stark re glementierte Unterhaltungselemente beigemischt wurden, kaum über ausreichende
360 N. POSTMAN: Amusing Ourselves to Death.
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4 4 3 Sadýk Yalsýzuçanlar - oder wie wird das Fernsehen zu einer "moralischen An stalt" ( ibret perdesi)
Einen andere, weit weniger konkrete Annäherung an das Thema "Fernsehen und Is lam" wählt Sadýk Yalsýzuçanlar (geb 1962) Von Hause aus Schriftsteller hat er sich mittlerweile durch seine Tätigkeit als Produzent bei TRT ein zweites Standbein im Bereich der audýo-výsuellen Medien geschaffen Mit seinem Buch über ,.Das Fernse hen und das Heilige" legt er eine Sammlung seiner 'Columnen aus der Zeitung Zaman zu diesem Thema vor. 310 Seine eigentliche Sympathie gilt jedoch nicht so sehr dem Fernsehen als dem Kino. 311 In beiden Fällen entwickelt er seine Thesen vor dem Flintergrund der islamischen Mystik, ohne daß er jedoch einer bestimmten Bruderschaft zugeordnet werden kann.
Gleichsam als Vorspann stellt er seinen Ausführungen drei Deutungen der in der Sure "Die Ameisen" (27:22-44) berichteten Geschichte von Salomon und Belk ý s (arab. Bilqis) voran: Als Salomon hört, daß eine Königin auf einem gewaltigen Thron über die Sabäer herrscht, und daß diese die Sonne anbeten, fordert er sie auf dem Weg des Satans nicht länger zu folgen, sondern vielmehr Muslime zu werden. Als die Königin statt einer Antwort Salomon nur ein Geschenk zusenden läßt, droht dieser ihr mit ge waltsamer Unterwerfung Gleichzeitig läßt er durch einen Dschinn den Thron der Kö nigin ..in einem Augenblick" in seinen Palast bringen. Als die Königin schließlich doch zu Salomon kommt, wird sie gefragt, ob dies ihr Thron sei Sie antwortet: "Es ist so. wie wenn er es wäre." Salomon fordert sie danach auf. seinen aus Glas gemachten Palast zu betreten Die Königin hält das Glas fälschlicherweise für Wasser und rafft ihre Röcke, um sie nicht naß zu machen. Ais sie ihren Irrtum erkennt, ergibt sie sich "dem Herrn der Menschen in aller Welt". 312
310 S. YALSIZUÇANLAR: Televizyon ve Kutsal. Neben den Kolumnen zum Thema Fernsehen sind in einem Kapitel auch einige Artikel zum Thema Sinema ve Kutsal zusammengestellt Das Buch schließt mit zwei Interviews mit dem Autor. Ders.: Düþ Kýrýðý; ist eine zweite, thematisch breiter gestreute " Sammlung seiner Kolumnen.
311 Ders.: Rüya Sinemasý; ders. A Þ AS A/1. KABÝL: Düþ, Gerçeklik ve Sinema.
312 Vgl. hierzu E. L'LLENDORF: Bilkis; und O. S. YÜCETÛRK: Bellas. Die wörtlichen Zitate entstammen der Koranübersetzung von R PARET: Der Koran
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Inwieweit diese Koranverse eine Bedeutung für das Medium "Fernsehen" bergen, er hellen die von Yalsýzuçanlar gewählten Interpreten - der Mystiker Ibn 'Arabî (st. 1240). der Religionsgelehrte Elmahli Hamdi Yaz ý r (1878-1942) und Bediüzzaman Said Nursi (]876?-1960> 313 So steht für Said Nursi fest, daß im Koran bereits auf alles, was je entwickelt wurde oder noch entwickelt werden wird, mittelbar oder unmittelbar hin gewiesen wird. Von dieser Prämisse ausgehend kommt er auf die Prophetenwunder zu sprechen. Diese - so erklärt er - hätten eigentlich zwei Funktionen: Sie dienten zu nächst der Bestätigung des Prophetentums des jeweiligen Menschen. Außerdem zeigten sie dem Menschengeschlecht notwendige Beispiele für den materiellen Fortschritt (terakkiyat-ý maddiye için lazým olan örnekler). Somit seien sie immer auch als Er munterung und Ermutigung für das Menschengeschlecht zu verstehen, Taten zu voll bringen, die diese Wunder nachahmten. Vor diesem Hintergrund sei das wundersame Herbeiholen des Throns als ein Zeichen zu deuten, das darauf hinweist, daß Geräte erfunden wurden und werden, die Klang und Bild von weit her übertragen können ([...] uzak mesafelerden ses ve suretin nakline delalet eder ve beþerin keþfettiði ve edeceði icatlara numune ve mehazdýr) 314
Einen ähnlichen Zusammenhang stellt auch Elmal ý l ý Hamdi Yazýr her 315 Das Herbei holen des Throns korrespondiert für ihn mit dem modernen wissenschaftlichen Ver ständnis von Geschwindigkeit, wie sie auch bei elektrischem Strom, dem Telegraphen oder aber auch in fester Materie erreicht würde. Gleichzeitig aber weist er darauf hin. daß man dabei jedoch eines nicht aus den Augen verlieren dürfe, nämlich die Kraft - sprich Gott -, die hinter all dem steht. 316
Die Deutung Ibn Arabîs hingegen konzentriert sich auf ein anderes Motiv. Dem mit telalterlichen Denker und Mystiker geht es nicht um die im Koran enthaltenen Hinwei se auf den technischen Fortschritt, sondern auf die Unterscheidung zwischen "Sein" und "Schein", die er an der zweimaligen Täuschung Belkis' durch Salomon festmacht.
313 Yalsýzuçanlar unterläßt es in allen drei Fällen, die genaue Fundstelle anzugeben.
314 S. YALSIZUÇANLAR: Televizyon ve Kutsal, S. 15. Zu Said Nursi vgl. Kapitel 6.1.
315 Bekannt geworden ist Elmalýlý Hamdi Yaz ý r durch sein Hauptwerk Hak Dini Kur'an Dili (Istanbul
1935-1938), eine im Auftrag der Großen Nationalversammlung der Türkei und des Präsidiums für
Religiöse Angelegenheiten verfaßte Koranexegese. Y. Þ. YAVUZ: Elmalýlý Muhammed Hamdi; M
BÝLGÝN: Hak Dini Ku'ran Dili; Ý. KARA: Türkiye'de Ýslamcýlýk Düþüncesi I, S. 517-577.
316 S. YALSIZUÇANLAR: Televizyon ve Kutsal, S. 13.
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