
Ýn seinemRoman Glas und Diamanten erzehlt Sadik Yalsizucanlar von der inneren Reise eines Kameramannes zu seiner Selbst , eine Reise, die einhergeht mit der tatsechlichen Reise in die Stadt Kars- eine Stadt unter anderem auch thematisiert im Roman Schnee von Orhan Pamuk.
Ein fünfköpfiges Team macht sich mitten im Winter auf die Reise nach Kars. Ziel ist eine Dokumentation über die Stadt und ihrem wohl wichtigsten Bürger, eine islamisch- religiöse Heiligkeit namens Harakani, die vor Jahrhunderten (tatsechlich) in dieser Stadt lebte.
Die Hauptfigur dieses Romanes ist ein Kameramann. Er lebt von seiner Frau getrennt. Ýhre Beziehung ist gepregt von tiefer Verbundenheit und Leidenschaft doch gibt es Unüberwindbarkeiten an denen der Kameramann scheitert. Ein unseliger Nihilist ist er, doch nimmt er in seinem Ýnneren die Unruhe wahr, die jeder Mensch, der sich auf einer tieferen Sinnsuche befndet, in seinem Wesen spürt. Dort, in Kars begegnet er einem Þeyh, der das geistige Erbe des Harakani übernomen und in seinem Derwischkloster wirkend, versucht, den Menschen, die, auf welcher Weise auch immer den Fuss in das Kloster setzen, einen mystischen Weg zu ihrer Selbst und somit eigentlich zum Schöpfer zu weisen und zu ebnen.
Harakani, der geistige Lehrvater des Seyh, war eine sufistische Persönlichkeit, die im 10. Jahrhundert in Kars gelebt hat. Er war der geistige Meister vieler östlicher Grössen wie des berühmten Arztes und Philosophen Avicenna, auch hat er das bekannteste und grösste Werk des Mevlana Rumi, den Mesnewi- mehr als nur beeinflusst. Die Worte und das Leben des Harakani, das in Rückblenden dem Roman zu entnehmen ist, beeinflussen die Welt dieses modernen in unserer Zeit lebenden Kameramannes, der dieser Tradition volkommen fremd- entfremdet ist- und bereichern ihn.
Der Kameramann folgt diesem stillen Ruf. Ýn diversen Gesprechen mit dem Seyh erlebt er das Öffnen seiner mystischen Gedanken-und Erlebniswelt und erlebt Wahrheiten wie Ergebenheit und Annahme, Schuld und Sühne und das Meer der unendlichen Liebe der Schöpfung selbst.
Der Roman spielt in der Stadt Kars, ein Ort der heute nahezu an seiner Trostlosigkeit zu ertrinken droht. Kars ist eine Stadt, die ziemlich nah an der Grenze zu Armenien liegt.
Da die Stadt von 1878-1918 unter russischer Besetzung lag, ist das Stadtbild zu meist von russisch armenischer Architektur gepregt. Kars ist eine Stadt, in der die heterodoxe Tradition der Schiiten überwiegt, was bedeutet, dass die kulturelle Vielfalt gepregt ist von schiitischer Natur.
Yalsizucanlars Sprache in diesem Roman, der sich innerhalb sieben Tagen abspielt, gleicht in ihrer Bildgewalt seinen vorherigen Werken, doch scheint sie hier leichter, manchesmal stiller anzumuten, seine Vorliebe für reine, lyrische Bilder und die immer wiederhervorgehobene Synthese von Ost und West, finden auch hier auf seichte Weise ihren Weg in den Erlebnisraum des Lesers.
Yalsizucanlars Denken ist gepregt von diversen westlichen Denkern-meist deutschen - wie Nietzsche, Heidegger, Wittgenstein und Derrida. Auch sind ihm die Heroen des Östlichen Kulturgutes- wie hier zu sehen ist- sehr wohl bewusst.
"Er scheint für sich ganz neue literarische Kategorien zu schaffen ohne den Eindruck zu hinterlassen, er kenne die klassischen nicht. Gerade das macht ihn so interessant wie auch beinahe unbegreiflich: ein mystischer Dichter, der mit der Literatur im besten europaischen Sinne experimentiert." (Beatrix Caner in ihrem Nachwort über den "Wanderer", Sadik Yalsizucanlar, Literaturca Verlag, 2006)
Einmal mehr hinterfragt Yalsizucanlar den Sinn des Daseins. Einmal mehr darf der Leser durch die Augen eines Kameramannes teilhaben an dieser universellen Frage, die seit Anbeginn des menschlichen Seins und Wirkens in den Gedanken der Menschen ihre Widerspiegelung findet. Und auch in dieser Begegnung, die dem Kameramnn widerfehrt, liegt die Antwort in der unendlichen Barmherzigkeit, die die gesamten sicht-und unsichtbaren Möglichkeiten der Schöpfung umarmt. . Es ist diese Liebe, vermittelt durch den Seyh und seinen eigentlichen Lehrmeister Harakani, die ihn auf seinen göttlichen Ursprung verweisen.
Eine allumfassende Liebe der der Kameramann binnen sieben Tagen zuteil wird und ihn mit dieser spirituellen Eingebung - mit dieser Erkenntnis-den ersten Schritt zur persönlichen Verenderung wagen lesst. |