
Kafka war blind. Er blickte in sich und nahm nur die Farben in seinem Inneren wahr.
Er sah nur die Farben und die Bilder, die er aus ihnen gestaltete. In seinem Herzen nahm jede Farbe eine andere Form an. Kafkas Leitfarbe war schwarz. Er vermehrte alle Farben aus ihr. Eines Tages kam ein Augenarzt in das Büro der Versicherungsanstalt, in der er arbeitete. Kafka war verantwortlich für die Archive. Er brachte das Dossier, das die Rechnungslisten des Arztes enthielt. Während seiner Abwesenheit, erzählte der Direktor dem Arzt von Kafkas Blindheit. Der Arzt interessierte sich für die Blindheit Kafkas.
Auf das hartnäckige Beharren seines Direktors und seiner Arbeitskollegen hin machte sich Kafka auf in die Praxis des Doktors.
Es wurden Röntgenaufnahmen gemacht, diverse Tests und Analysen durchgeführt, doch kam es zu keiner Prognose.
Nur die Worte Kafkas standen in der Mitte des Raumes.
Ich glaube nicht, daß es eine direkte Verbindung zwischen dem Auge und dem Sinn der Welt gibt, sagte Kafka.
Der Doktor erwiderte, daß er so etwas noch nie zuvor von einem Blinden vernommen hätte, vielmehr daran glauben würde, daß das Herz das Auge kränken würde.
Glauben Sie, das meine Geheimnisse sich verwirrt haben? fragte Kafka.
Genau so verhält es sich, sagte der Doktor, sieben ineinander verschlungene Dunkelheiten gibt es in Ihrem Geist.
Ka, sagte Kafka.
Das, so sagte der Doktor, ist Ihre verborgene (potentielle) Kraft, von dort aus blicken sie in Ihr Inneres, die Farben, die Sie zu sehen glauben, entstammen hier.
Ra, sagte Kafka.
Oder ist dies Ihr Spiegel, fragte der Doktor.
In mir lodern unendliche Worte und unendliche Bilder, unendliche Farben, sagte Kafka.
Ich kann Ihnen die Augen öffnen, sagte der Doktor, somit wären Sie in der Lage den Einklang Ihrer inneren Bilder mit den Äußeren zu sehen.
Kafka war nicht so beharrlich wie der Arzt.
Nun ja, sagte er.
Der Arzt stellte sechs ineinander liegende dunkle Zimmer her. Ein helles Zimmer fügte er diesen hinzu. In jedem Zimmer sollte je ein Augenarzt seine individuelle Heilungsmethode anwenden.
Man bat Kafka in das erste Zimmer. Der Arzt zündete eine weisse Kerze an. Er flüsterte graue Worte in sein Ohr. Unter hunderten von Begriffen wählte Kafka das der Langenweile. Er sollte näher an die Flamme der Kerze kommen. Kafka sah nur das Wort.
In der Leere spleen.
Er nahm das Wort in die Hand.
Es war, als würde er einen bekannten Gegenstand erblicken.
Können Sie es sehen?, fragte Kafka.
Was, antwortete der Arzt.
Seelenunruhe, sagte Kafka.
Das ist ein grauer Wildhase, sagte der Arzt.
Grau, sagte Kafka, ist die Farbe der Seelenunruhe.
Ich verstehe nicht, sagte der Arzt.
Wie kommen Sie denn darauf, daß es verständlich wäre, fragte Kafka.
Er ging in das zweite Zimmer. Es begegneten ihm ein anderer Arzt und ein anderes Wort. So ging es fort bis man ihm Einlaß in das siebte Zimmer gewährte.
An der Wand hing ein Spiegel.
Der Doktor stellte Kafka vor den Spiegel.
Was sehen Sie, fragte er.
Schwarz, sagte er.
Sehen Sie die Gegenstände nicht?fragte der Doktor.
Die Wörter, sagte Kafka.
Wörter?
Wörter.
Welche Wörter?
Die, die Sie nicht sehen können, sagte Kafka.
Zum Beispiel?
Ka, sagte Kafka.
Ka ist verdächtig, sagte der Doktor.
Ich sehe den Abstand , den die Gegenstände zu einander haben, sagte Kafka.
Schwarz?
Im Gegensatz zu den anderen Farben ist es mein Schwarz, sagte Kafka.
Die anderen Farben?
Sie werden sie nie so sehen können wie ich, sagte Kafka.
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